„In Vielfalt geeint – Warum wir nichts von der Leitkultur halten“

Vereint in Vielfalt oder eine starre Leitkultur? Was ist das Zukunftsmodell? Wie sieht der typische Deutsche in Zukunft aus? Unser Praktikant Alex hat sich diesen und weiteren Fragen angenommen und zeigt, dass die beste Leitkultur immer noch das Grundgesetz ist.


Vielfalt – das heißt Abweichen von der Norm. Ausfallen aus dem Raster. Im Idealfall ein symbiotisches Gleichgewicht von Menschen mit verschiedensten Phänotypen, Interessen und Zielen. Problematisch wird es jedoch, wenn Lebensentwürfe die Freiheit eines Einzelnen einschränken oder eine Gefährdung für die öffentliche Sicherheit darstellen. Die Kant’sche Freiheitsdefinition, laut der die Freiheit des Einzelnen dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt, beschreibt dieses Problem ziemlich treffend. Obwohl ebendieser Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“, wohlgemerkt schon 1798, für den Weltbürger wirbt, der sich nicht durch seine Abstimmung, sondern durch seinen Geist definiert, versteht sich Hans-Peter Müller aus Dresden wohl nicht als Bürger von Welt, sondern eher als „Ossi“ oder Deutscher.

Die Separation nach beliebigen Kriterien von der Gesamtheit in immer kleiner werdende Gruppen ist nur nachvollziehbar. Das als auf den ersten Blick primäre Merkmal der Nationalität erscheint in Hinblick auf diese Debatte geradezu lächerlich nichtig; Wichtiger für die Erzeugung eines Zugehörigkeitsgefühl sind bewusste und unbewusste Grundannahmen und moralische Vorstellung, ergo eine Kultur im weitesten Sinne. Auf Basis dieser Annahme wird beispielsweise noch heute auf dem Gebiet der Ethnologie geforscht.

Ein weiterer Auswuchs dieser These ist die Leitkulturdebatte. Ausgehend von verschiedenen Kulturkreisen, namentlich häufig das christliche Abendland und der islamische Orient, benötigt man, so die Argumentation, eine Leitkultur, welche einem Kulturfremden einen Katalog an teilweise sehr abstrakten Normen und Werten vorsetzt, anhand dieser sich orientieren, sein Verhalten an diesem Maßstab ausrichten und sich so schnellstmöglich in die Gesellschaft integrieren soll. Von der Idee her sicher eine gute Sache: In Zeiten von großen Migrationsströmen wird sich wohl keiner über schnellere Integration beschweren wollen. Trotzdem sagen wir JuLis aus gutem Grund Nein zur Leitkultur und Ja zur Vielfalt.

Problem Nummer 1: Schwierige Umsetzbarkeit

Die Frage, wie eine deutsche Leikultur auszusehen habe, scheitert schon an der Frage, wie denn die Definition einer Leikultur zu heißen habe. Die Zeitschrift Cicero versteht Leitkultur als „Definition von Modalitäten, auf deren Basis das Zusammenleben in Deutschland geschehen sollte, um ein friedliches und auskömmliches Miteinander zu gewährleisten.“ Der Ex-AfD Vorsitzende Bernd Lucke trifft den Kern der Problematik mit seinem ironischen Kommentar sehr gut: „Wenn es eine Leitkultur gibt, dann sollte verschwurbeltes Deutsch jedenfalls nicht dazugehören.“ Der so emotionale verständliche Wunsch nach einem festen Handlungsmustern und starrer Abgrenzung lässt sich jedoch schwierig in Gesetze fassen. Der Prototyp von Flüchtling in Socken und Sandalen, der sonntags Tatort schaut und jedes Jahr nach Mallorca fliegt, wird wohl eine Fantasie von de Maiziere bleiben. Was uns zu Problem Nummer 2 führt.

Problem Nummer 2: Was ist „typisch deutsch?“

Bevor wir eine gesetzlich verankerte Leitkultur haben wollen, müssen wir zuerst einmal examinieren, welche Normen und Werte denn die Kriterien für eine deutsche Leikultur erfüllen. Ist die historische Literatur und Opernlandschaft in Deutschland, um die wir weltweit beneidet werden, Teil unserer Leitkultur? Sind Wagner, Goethe und Brecht „Leitkultur“? Und wenn ja, wie viele der hier geborenen kennen den Ring der Nibelungen? Schon allein der Tatsache, dass Geschmäcker verschieden sind, macht eine Verwendung von klassischer Kultur als Integrationsmotor schwierig. Übrigens: Auch das „Kreuz im Klassenraum“ und das Bekenntnis des deutschen Staates zu christlichen Tradition, häufig von der CSU gefordert, ist keineswegs traditionell einendes Merkmal der Deutschen – Vor ein paar hundert Jahren verloren durch christliche Religionskriege ein Drittel der Bewohner in Teilen Deutschlands ihr Leben…

Problem Nummer 3: Ausgrenzung

Die Leitkultur lässt sich nicht nur aus integrativen Aspekten betrachten. Wenn wir uns die Leitkultur, geschuldet ihrer schweren gesetzlichen Untermauerung, als unsichtbaren, gesellschaftlichen Hegemon vorstellen, entsteht ein unbewusster Zwang, sich dieser Leitkultur anzupassen. In ihrem Eigentlichem Zweck liegt auch eine ihrer größten Schwäche: Fremde Kultur geht verloren, Regionalität verliert an Stellenwert, Kulturfremde bekommen Auflagen aufoktroyiert. Das Individuum kann sich nicht mehr vollkommen frei, sondern nur noch im staatlich-gesellschaftlich vorgegebenen Rahmen entfalten.

Deshalb müssen gleiche Regeln für alle gelten. Ein einheitlicher Werte- und Normenkatalog, von Volksvertretern legitimiert, der das Zusammenleben nach besten Willen regelt und Verstöße gegen ihn effektiv bestrafen kann. Mit unserer Verfassung besitzen wir jedoch bereits ein solches Werkzeug, welches in allen genannten Punkten der Leitkultur überlegen ist. Wir sind als Liberale dem Individuum verpflichtet und wollen diesem bestmögliche Chancen und Teilhaberechte offerieren. Wir brauchen deshalb keine exklusive und verworrene Leitkultur, sondern eine effektiven Rechtstaat, welche nach dem Prinzip der egalité auch jeden Menschen, gleich welchem Kulturkreis zugehörig, auch vor dem Gesetz gleich behandelt. Deshalb muss das liberale Credo lauten: Unsere Leitkultur ist das Grundgesetz, und Vielfalt ist eine Chance.


Alexander Albrecht

Praktikant in der Bundesgeschäftsstelle

Student der Internationalen Beziehungen

Aufgaben
- Inhalte für Gamification-App
- Datenverwaltung für die Gamification-App
- Interviewanfragen bearbeiten
Jahrgang
1997
Und sonst so?
Alex geht in seiner Freizeit gerne ins Theater und liest viel.
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